Exhibit 20: Memorandum Duitse minister van Buitnlandse Zaken, Kiderlen Wächter dd. 3 mei 1911

(German Diplomatic Documents.XX1X, 105, 3-5-1911, Dugdale.E.T.S.,Vol.4,p.2.)


Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes.

von Kiderlen

Reinschrift

Berlin, den 3. Mai 1911.

Vor nunmehr drei Jahren ist Mulay Halid init Hilfe der mächtigen Kaids des marokkanischen Südens auf den Thron gekommen, nachdem sein Bruder Mulay Abdul Asis, der em schwacher Charakter war, durch seine Anlehnnng an Frankreich im Lande fast jeden Anhang verloren hatte und schlieszlich mit seinen Söldnertruppen elne entseheidende Niederlage erlitt.

Die Beweging, die Mulay Hafici auf den Thron brachte, berühte in erster Linie darauf, dasz das Selbstbewusztsein der groszlen Kaids des Südens erwacbt war. Sie glaubten die Unahhängigkeit Marokkos sicher stellen zu können, wenn sie mit Mulay Hafid, der wärend langer Jabre als Stelivertreter seines Bruders in Marakesch residiert hatte und als eine kraftvolle Persönlichkeit galt, nach Fes zogen und lhn an Stelle des schwachen Abdui Asis auf den Thron des scherifischen Reiches setzten.

Es entstand damals der Glaube, die in der Algecirasakte formell gewährleistete Selbständigkeit Marokkos könne durch Mulay Hafid zu neuer Realität enweckt werden, Man sah in der Bewegung, die zu seiner Thronbesteigung geführt, eine nationale Erhebung, und weite Kreise redeten sich ein daB in Marokko noch Krafte vorhanden seien, die eine Reorganisation des Landes ermöglichen würden. Diese Hoffnungen haben sich nicht erfüllt.

Die völige Unfähigkeit der Marokkaner zu planvollem Handeln, der Mangel an jedem Organisationstalent und an jeder Ausdauer liesz schon bald erkennen, dasz Mulay Hafid trotz seiner zweifellos bedeutenden Eigenschaften nicht die Möglichkeit habe, von innen heraus sein Land zu reorganisieren und damit die für seine Selbstandigkeit unerläszlichen Garantien zu schaffen. Läge Marokko auf dem asiatischen Hochplateau wie zum Beispiel Tibet, so wâre es denkbar, dasz ein Staat, in dem Zustände herrschen, die man in vieler Beziehung etwa mit den späteren Merowingerzeiten vergleichen kan, auch weiterhin sein Dasein fristen möchte.

Ein Land aber, das wie das Scherifenreich in nächster Nähe Europas gelegen, und auf seiner Ostgrenze Frankreich zum Nachbarn hat und in. Norden mit Spanien im ständigen Kontakt steht, kann sich der Einwirkung europäiscber Kultur nicht entziehen. Sobald die Machtentwicklung seiner Nachbarn und das Erscheinen von Dampt und Elektrizität ein weiteres Fortvegetieren in unbedingter Isoliertheit unmöglich gemacht hatten, geriet Marokko in Berührung mit der überrmächtigen westlichen Welt. Es gab seitdem auf die Dauer nur zwei Möglichkeiten: entweder das Land erwies sich fähig, aus sich heraus den bisherigen Zuständen ein Ende zu machen und eine fortschritt licbe Entwicklung anzubahnen, oder es muszte früher

oder später der Aufsaugung durch seine Nachbarn in der einen oder anderen Form verfallen.

Marokko besteht bekanntlich aus einer Anzahl einzelner Stämme. Sie besitzen eine groBe Selbstandigkeit und sind auch in früheren Jahrhunderten nur von wenigen wirklich macbtvol ken Sultauen in Wahrheit beherrscht worden. Das Interesse dieser Stämme, deren Abstammung eine sehr verschiedene ist, endet im wesentlichen an der Grenze des Stammes; von einem marokkanischen Nationalgefühl kann keine Rede sein. Allerdings werden die Stämmne durch den Islam zusammen gehalten. Aber soviel auch bei allen möglichen Gelegenheiten vom heiligen Krieg geredet worden ist, auch dieser würde, wenn er je von einem Sultan des Seherifenreichs ausgerufen werden sollte, schwerlich eine andere Folge haben, als den momentanen Ausbruch der Volksleidenschaft zu erzeugen. Die innere Struktur des Landes würde nicht verändert werden, noch aus dem Konglomerat der sich befehdenden Stamme ein Staatengebilde entstehen.

Bel dieser Lage der Dinge blieb Mulay Hafid nichts anderes übrig, als mit den mächtigen Nachbarn zu paktieren. Hinzui kam für ihn die ungünstige Finanz des Landes, da der von seinem Vater hinterlassene Staatsschatz aufgezehrt und im Laufe der Jahre erhebliche Schulden entstanden waren. Ihre Bezahlung vermochte aber das Land aus eigenen Mitteln um so weniger zo leisten, als die Stämme keineswegs geneigt waren, hierfür besondere Opfer zu bringen.

Die einzigen Einnahmen des Landes, auf die der Sultan zurzeit mit Sicherhelt rechnen kann, sind die Zölle in den Hafenstädten. Diese waren schon im Jabre 1904 einem französischen Konsortium bis zu 60% verpfändet, während der Rest von Mulay Hafid im Jahre 1909 zurSicherstellung der sogenannten Liquidationsanleihe hingegeben werden muszte, die unvermeidlich geworden war, um die aufgelaufenen dringendsten Forderungen zu begleichen. Weiter verschlimmert wtirde die Lage, als die Rifkampagne der Spanier den Lande neue Lasten autbürdete. Der Sultan sah sich auf diese Weise zur Begleichung seiner Regierungs ausgaben darauf angewiesen, bel der Einziehung von Steuern in Innern rigoroser vorzugehen Um dies aber zu können, bedurfte er zuverlässiger Soldaten, die wiederum nicht ohne Bezahlung zu haben waren.

Es war ein circulus vitiosus, in den er sich verstriekt sah, und der notgedrungen dazu fübrte, dasz auch Mulay Hafid wie früher sein Bruder sich enger und enger an Fraukreich anzulehnen suchte.

Schon seit den siebziger Jahren bestanden auf Grund von Verträgen in Fes Militärmissioneu der Franzosen, Spanier, Englander und Italiener. Die Verträge, auf denen diese beruhten, gehôren zu denen, die durch die Algecirasakte bestätigt worden sind. War aber bislang diesen Missionen keine allzu einschneidende Aufgabe zugefallen, so änderte das sich. jetzt mehr und mehr in betreff der fanzösischen Mission.

An ihrer Spitze steht seit 1908 der tüchtige Oberstleutnant Mangin. Es gelang ihm, dem Sultan d Überzeugnung beizubringen, daB eine wirkliche Sicherstellung seiner Regierung nur gelingen könne und ins besondere ein geordnetes Eingeben der inneren Steuern sich nur erreichen lassen werde, wenn Mulay Hafid über eine zuverlässige Truppe verfûge. Bei dieser komme es zunächst weniger auf die grofle Zahl an als darauf, dasz sie regelmäszig bezahlt, gut ausgerüstet und vor allem-soweit das mit Marokkanern möglich ist — gut durchgebildet sel. Mit dem alten System, die Sultanstruppen dadurch zu erhalten, daB man sie sich auf Kosten

unbotmäszicher Stämme durch Plünderung und Brandschatzung ernähren lieB, sollte gebrochen und eine Söldnertruppe auf geordneter Basis organisiert werden.

Es liegt auf der Hand, daB die um ibre Selbständigkeit besorgten und zum Steuerzahlen wenig geneigten Stämme diese Vorgänge mit dem göszten Misztrauen verfolgten. DaB sie sich unter der Leiturig der allgemein in Lande verhaszten Franzosen abspielten, verstärkte den Gegensatz, der dutch die Einführung eines neeuen Strafkodex und die Herinrichtung zweier in flagranti ertappter Marodeure weiter verschärft wurde. Andererseits kamen zufällige Umstände wie zum Beispiel die Gegnerschaft verschiedener mächtiger Stämme gegen den Groszwesir hinzu. Aus all diesen Grûnden entstand jene Bewegung der um Fes wohnenden Stämme die zu den bekannten Kämpfen geführt und den Sultan in die schwierige Lage, in der er sich zurzeit befindet, gebracht hat.

Es ist wenig wahrscheinlich, dasz es den aufstständichen Styämmen gelingen sollte, das von einer starken Mauer umgebene Fes zu erobern, un so weniger, als die oben erwähnten marokkanischen Eigenschaften es als ausgeschlossn erscheinen lassen, dasz die einzelnen Kabylen ihre Stammegegensätze beiseite lassen und sich zu einem planvollen Vorgehen entschllieszen soilten. Auszerdem dürfte die bevorstehende Ernte nicht unerheblich dazu beitragen, die Kriegslust der Rebellen zu dämpfen. Mehren sich doch schon jetzt die Nachrichten, die von einem Abflauen der Bewegung zu melden wissen. Dessenungeachtet nimmt die französische Regieruiig unter Berufung auf ihre amtlichen Berichte eine ernste Gef ährdung ihrer in Fes weilenden Militärmission an und bereitet eine Expedition zu ihrer Rettung vor.

Vom Standpunkte der Algecirasakte werden slch hiergegen Einwendungen an sich nicht erheben lassen, da man einer Groszmacht nicht wohl das Recht streitig machen kann, ibre Staatsangehörigen mit den Mittein zu schützen, die sie zo diesem Zweck für geeignet halt. Auch hat die französische Regierung die bündigsten Erklärungen abgegeben, daB sie mit der geplanten Expedition keine anderen Zwecke verfolge, als ihre Staaisangehörigen und die übrigen in Fes eingeschlossenen Europäer zo retten.

Die weitere Entwicklung der Ereignisse bleibt abzuwarten, Kommt es wirklich zu einem Vorstosz der französischen Truppen nach Fes, so ist es wenig warscheinlich, dasz der Gang der Dinge es den franzosen möglich machen wird, mit den Europäern an die Küste zurückzukehren und das Innere Marokkos wieder sich selbst zu überlassen.*

Selbst wenn man den kaum denkbaren Fall annehmen wollte, daB die öffentliche Meinung Frankreichs der Regierung ein solches Vorgehen gestatten sollte, darf man sich nicht darüber täuschen, dasz ein solcher Rückmarsch von den Stämmen als ein Akt der Schwäche gedeutet werden würde Darin läge aber der Keim zu neunen Unruhen, die abermaliges französisches Vorrücken veranlassen müszten.

Es ergibt sich hieraus folgendes:

Die Macht der Tatsachenen wird aller Voraussicht nach über kurz oder lang dahinn führen, daB das Bestehen der Voraussetzungen der Asgecirasakte sich auch bel gewaltsamster Fiktion nicht mehr behaupten lassen wird** Ein Sultan der nur, gestützt auf französische Bajonette Seine Regierung im Lande aufrechtzuerhalten vermag, bietet nicht mehr die Garantien für die Selbständigkeit seines Landes, deren Erhaltung der ganze Zweck der Algecirasakte war. Es wird demnach nichts anderes übrig bleiben, als dieser durch die Macht der Tatsachen Voll zogenen Wandlung

Rechnung zu tragen und eine neue Einstellung unserer Politik in bezug auf Marokko vorzunehmen.

Hierbei würde sich folgende Möglichkeit darbieten: Sobald die Franzosen in Fes eingetroffen sind und angefangen haben, sich dort einzurichten, würden wir nach einer Weile unter Hinweis auf die Erklärung der französischen Regierung, dasz man nicht daran denke, in Fes zu bleiben, in freundlicher Form in Paris anfragen, wie lange die französische Regierung em Bleiben ihrer Truppen in Fes noch für erforderlich halte. Frankreich würde kaum anders können, als uns eine Frist zu nennen. Natürlich würde nach ihrem Ablauf unter irgend welchen Vorwänden der Rückmarsch weiter hinausgezögert werden. Dann wäre für uns der Moment gekommen, den Signatarmächten zu erklären, dasz wir vollstes Verständis dafür hätten, daB die Ereignisse Frankreich zwängen, in Fes zu bleiben, wir könnten indessen einen Sultan, der nar noch mit Hilfe französischer Truppen regiere, nicht mehr als den von der Algecirasakte vorgesehenen selbständigen, souveränen Herrscher anerkennen. Die Akte sei damit durch die Macht der Tatsachen zerrissen und sämtlichen Signatarmächten die volle Freibeit des Handelns zurückgegeben. Es würde dann für uns in Frage kommen, welchen Gebrauch wir von dieser Freiheit machen. Die Besetzung von Fes würde die Aufsaugung Marokkos durch Frankreich anbahnen. Wit würden durch Proteste nichts erreichen und würden damit eine schwer erträgliche moralische Niederlage erleiden. Wit müssen ans daher für die dann folgenden Verhandlangen in Objekt sichern, das die Franzosen zu Kompensationen geneigt macht. Wenn sich die Franzosen aus „Besorgnis’ für ihre Landsleute in Fes etablieren, haben auch wir das Recht, bedrohte Landsleute zu schützen. Wir haben groBe deutsche Firmen in Mogador und Agadir. Deutsche Schiffe könnten sich zum Schutz dieser Firmen in jene Häfen begeben. Sie könnten dort ganz friedlich stationiert werden — nur um das Zuvorkommen anderer Mächte in diesen wichtigsten Häfen Südmarokkos zu hindern.*

Für die Wahl gerade dieser Häfen, deren groszie Entfernung vom Mittelmeer Schwierigkeiten seitens Englands wenig wahrscheinlich macht, würde ins Gewicht fallen, dasz sie em AuBerst fruchtbares Hinterland besitzen, in dem auch nennenswerte Minenschätze vorhanden sein sollen. So hat zum Beispiel die Hamburger Firma Warburg & Co. dort in der letzten Zeit Kupferlagerungen von angeblicher Bedeutung feststellen können. Hinzu kommt, dasz die mächtigen Kaids der Gegend seit langen Jahren mit der deutschen Firma WeiB & Mauer in Mogador in freundschaftlichsten Beziehungen stehen, sodaB es möglich sein dürfte, bei geschickter Behandlung der Angelegenheit jede Aufregang im Hinterlande der beiden Häfen hintanzuhalten. Bezüglich Agadirs darf noch bemerkt werden, daB dieser Ort bislang nicht zu den „offenen’ Häfen Marokkos gehört hat, dasz er aber der beste Hafenen des Landes an seiner atlantischen Küste sein soll.

Im Besitz eines solchen Faustpfandes würden wir die weitere Entwickelung der Dinge in Marokko in Ruhe mitansehen and abwarten können, ob etwa Frankreich uns in seinem Kolonialbesitz geeignete Kompensationen anbieten wird, für die wir dann die beiden Häfen ver-lassen könnten.

Seine Majestät haben wiederholt allergnädigst darauf hinzuweisen geruht, welchen Wert es für uns haben würde, wenn die Franzosen tiefer and tiefer in das marokkanische Abenteuer verstrickt und dadurch bis zu einem nicht unerheblichen Masze festgelegt würden. Der gegen wärtige Gang der Dinge bei Fes scheint in der Tat es zu einer solchen Festlegung kommen zu lassen. Andererseits aber eröffnet sich der Kaiserlichen Regierung die Möglichkeit, durch das Nehmen eines

Faustpfandes der Marokkoangelegenheit eine Wendung zu geben, die die früheren Miszerfolge vergessen machen könnte*.

Auch für die weitere Entwicklung der innerpolitischen Verhältnissse bei uns würde es von Bedeutung sein, wenn es gelingen sollte, bel der schwerlich noch aufzuhaltenden Liquidation der marokkanischen Frage für Deutsch greifbare Vorteile herauszuschlageri. Unsere öffentliche Meinung würde mit alleiniger Ausnahme der Sozialdemokratischen Partei das einfache Geschehenlassen der Dinge im Scherifenreiche der Kaiserlichen Regierung zu scbwerem Vorwurfe machen, während andererseits mit Sicherheit angenommen werden darf, dasz praktische Ergebnisse manchen unzufriedenen Wähler umstimmen und den Ausfall der bevorstehenden Reichstagswahlen vielleicht nicht unwesentlich beeinflussen würden.

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