Exhibit 12: Het Von Schlieffenplan (3)

Es ist daher doch fraglich, ob die Franzosen die Oise nicht trotz aller Mängel der Stellung zu halten suchen und ob sie nicht mit Erfolg Widerstand leisten können. In diesem Falle muß Paris südlich umgangen werden. Dies wird auch dann nötig, wenn die Franzosen die Oise und Aisne geräumt und sich hinter die Marne, die Seine pp., zurückgezogen haben. Läßt man sie in dieser Richtung weiterziehen, so würde dies zu einem endlosen Kriege führen. Es muß durchaus versucht werden, die Franzosen durch Angriffe auf ihre linke Flanke in östliche Richtung gegen ihre Moselfestungen, gegen den Jura und die Schweiz zu drängen. Das französische Heer muß vernichtet werden.]

Das Wesentliche [für den Verlauf der gesamten Operationen] ist, einen starken rechten Flügel zu bilden, mit dessen Hilfe die Schlachten zu gewinnen und in unausgesetzter Verfolgung den Feind mit eben diesem starken Flügel immer wieder zum weichen zu bringen.

Wenn der rechte Flügel sehr stark gemacht wird, so kann dies nur auf Kosten des linken Flügel geschehen, dem dadurch wahrscheinlich die Aufgabe zufällt, gegen Übermacht zu kämpfen.

Die Anstrengungen müssen für den rechten Flügel sehr große sein, wenn ein Erfolg erzielt werden soll. Im allgemeinen sind aber die zu benutzenden Straßen sehr gut. Auch die Unterbringung würde bei zahlreichen Ortschaften befriedigen, wenn nicht die Korps des rechten Flügels so massiert marschieren müßten, daß auch die dichteste Bevölkerung [für die Unterbringung] nicht ausreicht.

Dagegen kann es an Verpflegung kaum fehlen. Das reiche Belgien und das reiche Nordfrankreich können viel liefern, und unter einen zweckmäßigen Druck gestellt, werden sie auch von außerhalb Vorräte herbeischaffen, an denen es ihnen etwa fehlen sollte.

Eine erhöhte Inaspruchnahme seiner Kräfte wird vielleicht Belgien bestimmen, von allen Feindseligkeiten abzusehen, seine Festungen auszuliefern und dafür dem Lande alle die Vorteile zu verschaffen, die bei einem Kampfe zweier Gegner der dritte als Unbeteiligter genießt.

Bei Beginn des Krieges sollen auf dem rechten Moselufer 3 Armeekorps, 1 Reservekorps mit 3 Kavallerie-Divisionen Nancy angreifen. Ob dieser Angriff gelingen wird, hängt wesentlich davon ab, (ob) die Franzosen sich hier auf die Verteidigung beschränken, oder ob sie ihrem Prinzip getreu zum Gegenangriff vorgehen. Tun sie das letztere, so würde der hauptsächlichste Zweck des Angriffes auf Nancy, nämlich Fesselung möglichst starker Kräfte an der französischen Ostfront, erreicht sein. Je mehr Truppen die Franzosen für den Gegenangriff verwenden, desto besser ist es für die Deutschen. Diese dürfen sich nur nicht in hartnäckige Gefechte einlassen, sonder müssen ihre Aufgabe darin finden, einen möglichst starken Feind nach sich zu ziehen und mit Hilfe des erweiterten Metz festzuhalten. Eine Gefahr kann für die auf dem rechten Moselufer abgetrennte Armee kaum entstehen, dagegen würde für das deutsche Hauptheer Schaden erwachsen, wenn die Armee des rechten Moselufers die Überlegenheit der Zahl besäße. Möglichst viel französischer Kräfte durch möglichst wenig deutsche Kräfte zu fesseln, muß das Bestreben sein.

Wenn die Franzosen nicht zum Gegenangriff schreiten, so müssen 2 Armeekorps sobald als möglich auf den äußersten Flügel des deutschen Heeres nach Belgien überführt werden. Es kommt alles darauf an, auf diesem Flügel stark zu sein. Nur dann kann man mit ruhigem Gewissen der Entscheidung entgegensehen, wenn 25 Armeekorps auf dem linken Moselufer zur Schlacht, in der man nicht stark genug sein kann, verfügbar gemacht worden sind.

Die wenigen Truppen, welche auf dem rechten Moselufer verbleiben, nämlich:

1 Armeekorps

1 Reservekorps

30 Reservedivision (Straßburg)

eventuell 2 neue Korps

Landwehrbrigaden am Oberrhein und aus Metz, wenn dieses nicht angegriffen wird

59 Landwehrbrigade (Unterelsaß)

6 Jägerbataillone in den Vogesen

müssen nach Möglichkeit verstärkt werden. Noch bieten die Festungsbesatzungen Material zu Neuformationen. Auch kann der süddeutsche Landsturm zur Deckung des Landes links des Rheins, zur Absperrung von Belfort pp. verwendet werden. Eine neue Armee muß gebildet werden, die den Auftrag erhält, gegen die Mosel zwischen Belfort und Nancy vorzugehen, während die 5 Reservekorps des linken Flügels und 2 Landwehrbrigaden Verdun abschließ und die Côtes Lorraines angreifen.

Wenn die Franzosen im Verlauf des Aufmarsches hören, daß die Deutschen am Niederrhein, an der niederländischen und belgischen Grenze sich versammeln, so werden sie an der Absicht des Feindes, auf Paris zu marschieren, nicht zweifeln und sich wohl hüten, entweder mit allen oder den hauptsächlichsten Kräften zwischen Straßburg und Metz vorzugehen oder vollends über den Oberrhein in Deutschland einzufallen. Das würde bedeuten: Die Besatzung verläßt die Festung in dem Augenblick, wo die Belagerung eröffnet werden soll. Tun sie trotzdem das eine oder das andere, so [kann dies den Deutschen nur willkommen sein. Ihre Aufgabe wird dadurch erleichtert. Am vorteilhaftesten würde es für sie sein, wenn die Franzosen zum Einbruch in Süddeutschland den Weg durch die Schweiz wählen wollten. Es wäre dies ein Mittel, uns einen Bundesgenossen zu verschaffen, dessen wir sehr bedürfen, und der einen Teil der feindlichen Streitkräfte für sich in Anspruch nähme.

Es wird sich für die Deutschen empfehlen, [in allen diesen Fällen] ihren Operationsplan so wenig wie möglich zu ändern. Die untere Mosel zwischen Trier und Koblenz muß indes gesichert, die Strecke zwischen Mosel und Maas in der Höhe von Diedenhofen gesperrt werden. Das deutsche Heer sucht die allgemeine Linie Koblenz-La Fère mit Reserven auf dem rechten Flügel zu erreichen. Das rechte Rheinufer von Koblenz aufwärts wird von rückwärts besetzt. Mit dem rechten Flügel wird angegriffen.

(Gehen die Franzosen über den Oberrhein, so wird ihnen im Schwarzwald Widerstand geleistet. Die von rückwärts heranzuführenden truppen werden am Main und an der Iller versammelt.]

Die Deutschen können, wenn sie auf ihren Operationen verharren, sich versichert halten, daß die Franzosen schleunigst umkehren werden, und zwar nicht nördlich, sondern südlich von Metz in der Richtung, von welcher die meiste Gefahr droht. Es ist daher geboten, daß die Deutschen auf dem rechten Flügel so stark wie möglich sind, denn hier ist die Entscheidungsschlacht zu erwarten.

Graf Schlieffen

Berlin, Februar 1906.

Wenn die Engländer im Falle eines Krieges zwischen Deutschland und Frankreich mit mehr als 100.000 Mann in Antwerpen landen wollen, so kann dies schwerlich in den ersten Mobilmachungstagen geschehen. Die Aufstellung ihrer 3 Armeekorps mag noch so gut vorbereitet sein, so bietet doch ihre Armeeorganisation und ihr Wehrsystem der Ausführung so viele Schwierigkeiten, daß man an die Plötzlichkeit ihres Erscheinens in der großen belgischen Festung kaum glauben kann. Wenn sie aber auch verhältnismäßig frühzeitig landen und auf der Festung zum Angriff auf die Deutschen vorgehen, so werden sie auch frühzeitig die wenigen Wege, welche durch die Torfmoore des nördlichen Belgiens und der südlichen Niederlande nach der Nord- und Ostfront von Antwerpen führen, besetzt finden. Wählen sie die Südfront zwischen Nethe und Dyle zum Ausgang ihrer Angriffe, so werden sie auf die 8 deutschen Armeekorps, welche unterhalb Lüttich über die Maas gegangen sind, stoßen.

Beim weiteren Vorgehen der Deutschen wird eine Festungsfront nach der anderen abgeschlossen werden. Jeder Versuch der vereinigten Engländer und Belgier, die Einschließungskorps zurückzuweisen, wird an der Unterstützung scheitern, welche diese Korps durch die vormarschierende deutsche Armee erhalten werden. Bis das linke Flügelkorps die Einschließung auf dem linken Scheldeufer zur Ausführung gebracht hat, wird immer noch eine Anzahl deutscher Armeekorps zum Eingreifen in ein Gefecht bereit sein.

Das Gelände vor den meisten Fronten ist der Entwickelung der ausfallenden Engländer und Belgier nicht günstig. Sie müssen sich aus Engen zum Aufmarsch herausarbeiten. Die Strecken des Festungsumzuges, welche einen Ausfall etwas begünstigen. Werden verringert werden, wenn die Belgier die beabsichtigten Inundationen zur Ausführung bringen.

Wollen die Engländer aus Antwerpen heraus zum Angriff vorgehen, so müssen sie Kämpfe unternehmen, die ebenso aussichtslos sein werden wie die zahlreichen Ausfallgefechte der Franzosen vor Metz und Paris. Es ist freilich nötig, daß die für die Einschließung bestimmten Korps [beim Vormarsch gegen die Festung] täglich ihre Stellung verstärken [und stets eines Angriffs gewärtigt sind, daß sie sich] so nahe wie möglich an die feindlichen Werke heranschieben und dort die Widerstandsfähigkeit ihrer Stellungen bis zur Uneinnehmbarkeit vermehren. Der rechte wie der linke Flügel suchen so nahe wie möglich an die Schelde heranzukommen und durch Batterien und Seeminen auch den letzten Ausweg zu Wasser der Festung abzuschließen.

Die Aussicht ist nicht unbegründet, daß die Engländer, wenn sie nach Antwerpen gehen, nebst den Belgiern dort eingeschlossen werden. Sie sind in der festung am sichersten untergebracht, weit besser als auf ihrer Insel, wo sie eine starke Drohung und eine beständige Gefahr für die Deutschen bedeuten.

Die kleine Festung Termonde erschwert eine Einschließung Antwerpens nicht unerheblich. Sie ist indes weder stark noch gut unterhalten und kann mit Hilfe der schweren Artillerie der nächsten Korps wenigstens artilleristisch unschädlich gemacht werden. Dann wird es möglich sein, die Einschließungslinien von Antwerpen zwischen Termonde und Rupelmonde durchzuziehen.

Schwieriger wird freilich der Kampf um Antwerpen, wenn es den Franzosen gelingt, vor uns die Linie Namur-Antwerpen zu erreichen, und uns im Verein mit Engländern und Belgiern das weitere Vordringen auf dem linken Maasufer zu verwehren. Dann wird eine Umfassung mit dem rechten Flügel unmöglich sein. Der Plan muß geändert werden. [Auch den verbündeten Gegnern kann ein vordringen nördlich Namur-Lüttich verwehrt werden. Wollen sie uns zurückwerfen, so müssen sie auch auf dem rechten Maasufer vorgehen, und dabei werden sie nicht umhinkönnen, ihre rechte Flanke einen deutschen Angriff preiszugeben.Kommen die Franzosen später heran, so ergibt sich für die Deutschen die Möglichkeit einer Schlacht nach zwei Seiten, und zwar mit einer front gegen Antwerpen, mit der anderen gegen Hirson-Maubeuge-Lille gerichtet.

Nach den seitens der franzosen wiederholt ausgesprochenen Absichten wollen sie in dichten tiefen Massen vorgehen. Der Ausspruch des verewigten Feldmarschalls wird sich dann bewahrheiten, daß die schmale Front Gefahr läuft, umfaßt zu werden, während die breite front [wenn sie sich nur vor einem feindlichen Durchbruch hütet,] große Erfolge verspricht. Den Engländern wird auch die Absicht zugesprochen, nicht in Antwerpen, sondern in Esbjerg zu landen, und zwar soll ihr Plan bald dahin gehen, bereits zu einem sehr frühen Termin an der jütischen Küste zu erscheinen, bald wollen sie mit ihrem Unternehmen abwarten, bis Deutsche und Franzosen mit ihren Streitkräften vollständig handgemein geworden sind. Der Zustand gänzlicher Entblößung deutschen Landes soll benutzt werden, um möglicherweise auch mit Unterstützung einiger französischer Korps auf Berlin zu marschieren.

Was den ersten Fall betrifft, so würden die Deutschen ihren Aufmarsch nicht zu Ende führen können, wenn, während dieser noch im Gange ist, eine englische Armee im Norden aufträte. Die noch zurückgebliebenen Korps müßten angehalten und dem neu aufgetretenen feinde entgegengeführt werden, um diesen durch große Überlegenheit zu vernichten. Den Franzosen würde nichts Übrigbleiben, als ihren Bundesgenossen zu Hilfe zu kommen [, d. h. ihre Festungen und Stellungen aufzugeben und die Offensive zu ergreifen. Dann öffnen sich für uns in einem Kriege auf dem linken Rheinufer alle die Vorteile, von denen wir uns bei den verschiedensten gelegenheiten haben überzeugen können].

Warten aber die Engländer [mit der beabsichtigten Landung] auf einen günstigen Moment, so werden sie [diesem kaum vor der ersten Schlacht finden]. Fällt diese zugunsten der Deutschen aus, so werden die Engländer wahrscheinlich ihr aussichtsloses Unternehmen aufgeben. Auf diese Schlacht kommt daher sehr viel an, und es würde ein schwerwiegender Fehler sein in erwartung der Engländer auf einem entlegenen zukünftigen Kriegsschauplatz eine Armee, ein Korps, eine Division zurückzulassen, die den Franzosen gegenüber die Entscheidung bringen könnten.

Führen die Engländer dennoch, nachdem wir unseren Aufmarsch vollendet, die Landung aus, sei es vor oder nach einer Schlacht, so müssen wir alle noch im Lande befindlichen Kräfte, und es sind deren noch immer recht beträchtliche, zusammenziehen und die eingedrungenen Engländer erdrücken.

Diese organisation der zurückgebliebenen Streitkräfte ist allerdings nötig.

Graf Schlieffen

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