Exhibit 12: Het Von Schlieffenplan (2)

Es wäre nicht unmöglich, daß eine im südlichen Belgien oder im nördlichen Frankreich geschlagene Armee hinter der Somme, die durch einen Kanal mit der Oise bei La Fère verbunden ist, zum erneuten Widerstand haltmachte. Dies würde zu einem Marsch des deutschen rechten Flügels auf Amiens [oder gar auf] Abbeville führen.

Sehr wahrscheinlich ist dies jedoch nicht. Durch das Vorgehen der Deutschen gegen die Maasstrecke Verdun-Mézières und [weiter westlich] in Richtung über Hirson werden die Franzosen in ihren Stellungen hinter die Aisne und zwischen Reims und La Fère festgehalten werden. [Diese Stellungen sind aber nicht haltbar, wenn die Deutschen aus der Richtung Lille-Maubeuge geraden Weges gegen linke Flanke und Rücken vormarschieren. Die Franzosen müssen diese Flanke decken, oder sie müssen hinter die Marne oder Seine zurückgehen. Letzteres werden sie nur ungern tun wollen. Sie werden sich schwerlich entschließen, das nördliche Frankreich ohne heißen Kampf aufzugeben. Wenn sie daher nicht durch eine Gegenoffensive ihre Ehre retten, so werden sie doch wohl vorziehen, eine Defensivflanke hinter der Oise zwischen La Fère und Paris zu bilden, als daß sie ein großes, reiches Land, ihre 6 schönen Festungen und die Nordfront von Paris preisgeben. Man wird kaum sagen können, daß eine Stellungnahme hinter der Oise unmöglich ist. Da die Hauptstellung Belfort-Verdun nur schwach besetzt zu bleiben braucht, so werden die verfügbaren Kräfte zur Verteidigung der Aisne und Oise ausreichen. Die Stellung hinter der Oise soll in der Front wenig widerstandsfähig sein, aber sie ist links an eine so kolossale Festung wie Paris angelehnt. Wird sie auch in der Front bewältigt, geht auch der Verteidiger hinter die Marne oder die Seine zurück, so muß sich der Sieger bequemen, Paris zunächst auf der Nordfront, dann auf noch anderen Fronten einzuschließen, und sieht sich gezwungen, mit wesentlich geschwächten Kräften den Angriff gegen einen an Zahl überlegenen Gegner fortzusetzen. Um diesen aus seiner neuen Stellung herauszubringen, wird er die linke, an Paris angelehnte Flanke umgehen und damit wieder starke Kräfte zur Einschließung der West- und Südfront der Riesenfestung verwenden müssen.

Eine Sache ist klar. Wenn die Franzosen uns nicht den Liebesdienst erweisen, uns anzugreifen, und müssen wir gegen die Aisne, Reims-La Fère und die Oise vorgehen, so sind wir gezwungen, gleichgültig, ob unsere Feinde die Aisne-Oise pp. Stellung halten, oder ob sie hinter die Marne oder Seine pp. zurückgehen, mit einem Teil unseres Heeres ihnen zu folgen, mit einem anderen Paris südlich zu umgehen und diese Festung einzuschließen. Wir tun also wohl daran, uns beizeiten auf einen Übergang über die Seine unterhalb der Oisemündung und auf eine Einschließung von Paris zunächst auf der West- und Südfront einzurichten. Diese Vorbereitungen mögen getroffen werden, wie sie wollen, so werden wir uns überzeugen, daß wir für eine Fortsetzung der Operationen in dieser Richtung zu schwach sind. Wir werden die Erfahrung aller früheren Eroberer bestätigt finden, daß der Angriffskrieg sehr viele Kräfte erfordert und sehr viele verbraucht, daß diese ebenso beständig abnehmen, wie diejenigen des Verteidigers zunehmen, und alles dies ganz besonders in einem Lande, das von Festungen starrt.

Die aktiven Korps müssen für die Schlacht unberührt erhalten bleiben und dürfen nicht für den Etappendienst, die Belagerung und Einschließung der Festungen verwendet werden.

Wenn die Deutschen bis zur Oise gekommen sind, so reicht ihr Etappengebiet rechts bis zur Meeresküste und zur Seine unterhalb Paris. In der Front wird es begrenzt von der Oise und der Aisne bis zur Maas unterhalb Verdun. Der Lauf der Etappengrenze von dort bis zum Rhein hängt von den Fortschritten ab, welche die Franzosen etwa auf dem rechten Moselufer gemacht haben. Das Etappengebiet umfaßt Luxemburg, Belgien, einen Teil der Niederlande und das nördliche Frankreich. In diesem ausgedehnten Raume müssen zahlreiche Festungen belagert, eingeschlossen oder beobachtet werden. Dazu werden links der Mosel die verfügbaren 7½ Reservekorps und 16 Landwehrbrigaden bis auf [höchstens] 2½ Reservekorps und 2 Landwehrbrigaden, welche [zur Verstärkung der Front], Deckung von Flanke und Rücken des Hauptheeres dringend erforderlich sind, verbraucht werden. (Eine Armee zur Deckung gegen eine Landung der Engländer bei Dünkirchen, Calais, Boulogne pp. zurückzulassen, ist unter keinen Umständen möglich. Sollten die Engländer landen und vorgehen, so würden die Deutschen haltmachen, sich nötigenfalls verteidigen, eine genügend große Zahl von Korps ausscheiden, die Engländer schlagen und dann wiederum die Operation gegen die Franzosen fortsetzen).

Es sind gerechnet:

Zur Einschließung von Antwerpen 5 Reservekorps (vielleicht nicht genügend)

zur Beobachtung von

Lüttich 2 Landwehrbrigaden Mézières }1 Landwehrbrigade
Namur 2 Landwehrbrigaden Givet
Maubeuge 2 Landwehrbrigaden Hirson
Lille 3 Landwehrbrigaden Longwy }1 Landwehrbrigade
Dünkirchen 3 Landwehrbrigaden Montmédy


Es müssen aber noch die Eisenbahnen, soweit sie für den Nachschub des heerse erforderlich sind, gesichert, die größen Städte, die volk- und fabrikreichen Provinzen Belgiens und des nordwestlichen Frankreichs besetzt werden. Das ganze Gebiet muß dem Heere einen gesicherten Rückhalt gewähren. Dazu muß der Landsturm herangezogen werden. Steht das Gesetz dieser Maßregel entgegen, so muß es bei eintretender Mobilmachung schleunigst geändert werden.

Noch andere Truppen müssen beschafft werden. Wir haben ebenso viele Ersatzbataillone wie Infanterie-Regimenter. Aus ihnen und den noch verfügbaren Mannschaften der Reserve, erforderlichenfalls auch der Landwehr, müssen wie 1866 vierte Bataillone und aus ihnen und Ersatzbatterien ebenfalls wie 1866 Divisionen und Armeekorps gebildet werden. 8 Armeekorps werden sich auf diese Weise herstellen lassen. Diese Neuaufstellungen dürfen nicht erst in Angriff genommen werden, wenn der Bedarf sich in empfindlichster Weise fühlbar macht, nicht erst, wenn die Operationen notgedrungen ins Stocken geraten, sondern unmittelbar im Anschluß an die Mobilmachung der übrigen Truppen.

Wir müssen also einmal den Landsturm in Bewegung bringen, um das ganze Etappengebiet von Belfort bis Maastricht pp. zu besetzen, [wir müssen die in den Festungen verbliebene Landwehr nachziehen,] und wir müssen ferner zum mindesten 8 Armeekorps bilden. Das ist das Notdürftigste, was wir zu tun verpflichtet sind. Wir haben die allgemeine Wehrpflicht und das Volk in Waffen erfunden und den anderen Nationen die Notwendigkeit, diese Institutionen einzuführen, bewiesen. Nachdem wir aber unsere geschworenen Feinde dahin gebracht haben, ihre Heere ins Ungemessene zu vermehren, haben wir in unseren Anstrengungen nachgelassen. Wir pochen noch immer auf unsere hohe Einwohnerzahl, auf die Volksmassen, die uns zu Gebote stehen, aber diese Massen sind nicht in der vollen Zahl der Brauchbaren ausgebildet und bewaffnet. [Die Tatsache, daß Frankreich mit 39 Millionen Einwohnern 995 Bataillone zum Feldheere stellt, Deutschland mit 56 Millionen aber nur 971, spricht eine vernehmliche Sprache.]

Am nötigsten sind die 8 Armeekorps auf oder hinter dem rechten Heeresflügel. Wie viele dort hinzubringen sind, hängt von der Leistungsfähigkeit der Eisenbahnen ab. Diejenigen, welche nicht auf dem linken Maas- und Sambreufer durch Belgien und Nordfrankreich nachgeführt werden können, müssen südlich Lüttich-Namur an die Maas zwischen Verdun und Méziéres gebracht werden. Wenn auch dies nicht vollständig zu ermöglichen ist, so können die übrigen nach Bedarf bei Metz und auf dem rechten Moselufer Verwendung finden.

Es muß darauf gerechnet werden, daß zum Vorgehen gegen die Stellung der Aisne-Oise-Paris pp.

Armeekorps - 25

Reservekorps - 2,5

Neugebildete Korps - 6

33,5 Korps zur Verfügung stehen. Von diesen ist mehr als ⅓ zur Umgehung von Paris erforderlich, und zwar werden 7 Armeekorps auf die eigentliche Umgehung, 6 neue Korps auf die Einschließung von Paris auf der [West- und] Südfront in Ansatz gebracht. Wie der Vormarsch gegen und der Angriff auf die Stellung gedacht ist, geht aus Karte 3 hervor.

[Wenn der Feind standhält, erfolgt der Angriff] auf der ganzen Linie, besonders aber gegen das von zwei Seiten eingeschlossene La Fère, und nach einem Erfolg weiter auf Laon und auf das nach Westen offene Reims. [Auf der ganzen Linie werden die Korps] wie im Belagerungskrieg von Stellung zu Stellung an den Feind heranzukommen suchen, sei es bei Tage, sei es bei Nacht vorgehen, sich eingraben, wieder vorgehen, wieder eingraben pp. Und dabei alle Mittel moderner technik anwenden, die geeignet sind, den Feind hinter seinen Deckungen zu erschüttern. Nie darf der Angriff, wie es im Ostasiatischen Kriege geschah, zum Stillstand kommen.

Frankreich muß als eine große Festung betrachtet werden. Von der äußeren Enceinte ist der teil Belfort-Verdun fast uneinnehmbar, die Strecke Mézières-Maubeuge-Lille-Dünkrichen aber nur lückenhaft befestigt und vor der Hand fast gar nicht besetzt. Hier müssen wir in die Festung einzudringen versuchen. Ist uns dies gelungen, so wird sich eine zweite Enceinte, wenigstens das Stück einer solchen, zeigen, nämlich anschließend an Verdun: die Stellung hinter der Aisne-Reims und La Fère. Dieses Stück Enceinte kann aber nördlich umgangen werden. Der Festungserbauer hat wohl mit einem Angriff der Deutschen von südlich der Maas-Sambre her, aber nicht mit einem solchen von nördlich dieser Flußlinie her gerechnet. Dem Mangel durch Verlängerungder befestigten Linie Reims-La Fère über Péronne längs der Somme abzuhelfen, wird es zu spät sein. Der Verteidiger kann der drohenden Umgehung durch eine Offensive um den linken Flügel der Stellung bei La Fère herum begegnen. Dieser Gegenangriff, der von einem Vorgehen aus der ganzen Front Verdun-La Fère begleitet sein kann, wird hoffentlich mißlingen.

Der geschlagene Verteidiger kann dann noch die Oise zwischen La Fère und Paris zu halten suchen. Die Verteidigungsfähigkeit dieser Flußstrecke wird angezweifelt. Ist dieser Zweifel begründet oder verzichten die Franzosen auf die Verteidigung der Oise und lassen sie die Deutschen mit reichlichen Kräften über den Fluß herüberkommen, so ist die zweite Enceinte Verdun-La Fère nicht mehr zu halten. La Fère, Laon und das im Westen offene Reims, die ganze auf einen Angriff von Nordosten her berechnete Höhenstellung wird genommen und die Aisnestellung geräumt werden müssen. Damit werden die Maasforts zwischen Verdun und Toul, die einem Angriff von Westen her nur geringen Widerstand entgegensetzen können, preisgegeben. Verdun und Toul werden isolierte Festungen. Das ganze gegen Deutschland gerichtete französische Befestigungssystem droht zusammenzustürzen.

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